Hexenkunst-Blog

21.6.2015 – "Wie? - Du machst auch Tantra?"

Bei dieser Frage schleicht sich dann ein anzügliches Lächeln in die Augen des Gegenübers und man kann sehen, wie es ihm warm ums Herz (und nicht nur ums Herz…) wird. In so einer Situation hängt die Antwort natürlich stark von der Attraktivität des Gegenübers ab. Hier im Blog versuche ich es mal mit etwas Sachlichkeit.

Ja, ich praktiziere Tantra und bin in verschiedene tantrische Gottheiten eingeweiht worden. ‚Praxis‘ heißt in diesem Fall mindestens eine Stunde stille Meditation täglich und gelegentliche Rituale. In den Meditationen invoziert man die jeweilige Gottheit, aktiviert seine Kundalini und stellt Gedankenstille her. Anfangs gelingt das nur in der Meditation, aber nach jahrelangem Üben kann man auch bei anderen Gelegenheiten Gedankenstille herstellen und eine Gottform annehmen. Dies kann mitunter recht vergnüglich sein, aber auch ganz handfeste magische Resultate zeitigen.

Diese Antwort entspricht nicht so ganz den Erwartungen, die meist von der ‚Tantraszene‘ geprägt sind, in der man weder an stundenlanger Meditation noch an magischen Fähigkeiten  interessiert ist. Die andere Tantriker-Fraktion besteht aus buddhistischen Mönchen, die auch die entsprechenden Einweihungen geben. Von ihnen wird Tantra als ein mystischer Weg verstanden, der vor allem durch Meditation begangen wird. Die sich bei eifriger Praxis fast automatisch einstellenden Siddhis (magische Fähigkeiten), werden aber abgelehnt, weil sie das Ego aufblähen. Damit stehen die monastischen Tantriker eigentlich im Gegensatz zu ihrer eigenen Tradition, wie jeder, der einmal einen Blick in die alten tantrischen Schriften, wie z.B. das Hevajra Tantra  geworfen hat, schnell bemerkt. Hier werden neben den Gottformen auch die magischen Anwendungen ausführlich beschrieben.

 

Die ablehnende Haltung der meisten Linienhalter gegenüber den Siddhis ist wirklich schade, weil es sich beim Tantra um ein sehr ausgewogenes magisches System handelt. Es vereint ausgeklügelte Ritualtechniken mit sehr effektiven yogischen Methoden der Energiearbeit und erprobten volksmagischen Praktiken, die mit Kräutern, Spiegeln und Talismanen arbeiten. Gleichzeitig trägt es durch die Kultivierung eines nondualen Geisteszustandes zur spirituellen Entwicklung  der Praktizierenden bei. Wer jetzt neugierig geworden ist, findet bei Helmut Poller  jede Menge Informationen dazu.

Dies alles soll jetzt natürlich nicht heißen, daß man alle Männer- bzw. Frauenträume beerdigen muß. Die von der ‚Tantraszene‘ erhofften Veränderungen ergeben sich bei der traditionellen Variante sozusagen im Nebenlauf, während man sein Meditationskissen platt sitzt. Also könnte die Antwort auf die Eingangsfrage auch einfach lauten: „Ja, ich mach auch Tantra…“ (lächel).

In diesem Sinne wünsche ich Allen noch eine schöne Sommersonnwende !


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